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Reiter der schwarzen Sonne

geschrieben von Friederike Schmutzler

Du erwachst in einem dir unbekannten Raum, neben Dir die Leiche eines alten Mannes. Hast Du ihn umgebracht? Wo bist Du? Und viel wichtiger – wer bist Du?

Das ist die Ausgangssituation des Spielbuches „Reiter der schwarzen Sonne“ von Swen Harder, das zur SPIEL 2012 im Mantikore-Verlag erschien und schon im Vorfeld für einigen Gesprächsstoff sorgte durch die Tatsache, dass es mit über 1350 Sektionen das umfangreichste bisher erschienene Spielbuch ist. Aber das sind nur Äußerlichkeiten, verglichen mit dem, was in diesen 1350 Sektionen steckt. Das ist Fantasy vom Allerfeinsten und ganz grosses Kino. Leider kann an dieser Stelle nicht viel mehr zum Plot verraten werden, denn das würde zuviel verraten. Nur soviel kann an dieser Stelle mit Sicherheit gesagt werden: Reiter der schwarzen Sonne ist ein Buch, dass man nicht aus der Hand legen möchte, bis es durchgespielt wurde.

Vom inhaltlichen Aufbau erinnert das Buch an ein Computerspiel, beginnend mit einem Prolog, der dem Leser zunächst grundlegende Mechanismen erklärt. Darauf bauen nach und nach immer mehr Regelmodule auf, die zu Beginn der neuen Sektion erklärt werden. Das können zum Beispiel Regeln zu Angriff und Verteidigung sein, aber auch Informationen rund um den Einsatz von Reittieren. Außerdem gibt es Übersichtskarten – die, um ein wenig konstruktive Kritik anzubringen, am Anfang des Buches oder separat besser aufgehoben gewesen wären. Jedes Kapitel ist einzeln und von außen gut sichtbar mit einem Register gekennzeichnet, so dass nicht lange geblättert werden muss, um die richtige Stelle zu suchen, was vor allen Dingen bei einem erneuten Nachlesen der Regeln eine grosse Hilfe ist.

Das System für Konflikte ist nicht neu, aber bewährt; statt zu würfeln, wird eine beliebige Buchseite aufgeschlagen und die dortige Augenzahl genutzt. Die Kämpfe verlaufen rundenbasiert nach einem Punktesystem, bei besonderen Gegnern kann es dann auch vorkommen, dass bei einer bestimmten Punktzahl auch in einer bestimmten Sektion weitergelesen werden muss. Besondere Kämpfe, wie beispielsweise gegen Endgegner eines Kapitels, sind in eine eigene Kampfsektion ausgelagert, die sich am Ende des Buches befindet.

Aber Reiter der schwarzen Sonne besteht nicht nur aus Kämpfen mit üblen Schurken und gefährlichen Monstern am Ende eines Levels – pardon, Kapitels. Der Eindruck eines Computerspiels zwischen zwei Buchdeckeln wird durch Denksportaufgaben (einige davon unglaublich knifflig, aber gerade deswegen so herausfordernd) und Bonuskapitel, die der Leser mehr oder minder freispielen muss, noch verstärkt.

Die in einem angenehm realistischen, beinahe "oldschooligen" Stil gehaltenene Zeichnungen von Fufu Frauenwahl in schlichtem Schwarz-Weiss sind sparsam, aber gut dosiert; sie unterstützen die Geschichte und illustrieren einzelne Episoden, aber zu keiner Zeit hat der Leser den Eindruck, dass sie wichtige Handlungen vorweg nehmen oder seine Vorstellung der Hauptperson zu stark beeinflussen.

Zusammen mit der Geschichte, in der wirklich alles drin ist, was in einen guten Fantasy-Schmöker hineingehört, bildet Reiter der schwarzen Sonne ein wunderbares Ganzes. Besonders ans Herz legen möchte ich dieses Buch Rollenspielein- und Umsteigern, denn das computerspielartige Grundkonzept dürfte besonders diese Spieler überzeugen, es einmal ganz altmodisch offline mit einem Buch zu probieren.

aut Klappentext sollten „neue Maßstäbe für das Genre“ gesetzt werden. Im Falle von Reiter der schwarzen Sonne ist das definitiv kein hohles Marketing-Versprechen, sondern eine schlichte Beschreibung des Buches. Das computerspielartige Feeling und die abgeschlossene Handlung unterscheiden es von den im gleichen Verlag erschienenen, eher oldschooligen Einsamer Wolf-Bänden. Man sollte sich keinesfalls von dem doch recht umfangreichen Werk (735 Seiten) abschrecken lassen, denn dann verpasst man mit Sicherheit eine Menge Spannung, Spiel und Spaß. Reiter der schwarzen Sonne eignet sich nicht nur für erfahrene Spielbuch-Spieler, sondern auch für Rollenspiel-Einsteiger. Gerade für letztere ist es ein perfektes Geschenk, um in die fantastischen Welten unseres Hobbies einzutauchen.

Punkte: 6 von 6 Punkten
  • Abenteuer-Spielbuch
  • Verlag: Mantikore-Verlag
  • Preis: 21,95 €