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Maschinengeist

geschrieben von Jan-Niklas Bersenkowitsch

Deutschland im Jahre 1899. Der Privatdetektiv und frühere Polizist Peter Langendorf kann sich nicht über einen Mangel an Arbeit beschweren: Baron von Wallenfels, der reichste und mächtigste Mann des Deutschen Reiches, beauftragt ihn damit das Versteck einer technikfeindlichen Sekte zu infiltrieren, die das neue Lieblingsspielzeug des Barons, ein experimentelles Luftschiff, zu zerstören versuchen. Gleichzeitig soll er noch die Schwester des Künstlers de Cassard ausfindig machen, die in finstere Kreise abgerutscht ist und dann tauchen auch noch überall riesige Ratten auf, die die Bevölkerung des gewaltigen Stadtkomplex Wiesbaden-Frankfurt terrorisieren. Zum Glück kann er auf die Hilfe seines Bruders Paul bauen, der jedoch aus seinem Betrieb entlassen wurde und noch ein Hühnchen mit von Wallenfels selbst zu rupfen hat. Am Ende stellt sich heraus, dass alles miteinander zusammenhängt und der aufrechte Ermittler wird einige Entscheidungen treffen müssen, die einigen Leuten nicht schmecken werden.

"Maschinengeist" kombiniert geschickt Themen aus den Bereichen Hard-Boiled und Steampunk, legt seinen Fokus dabei jedoch mehr auf die Lebensumstände der Unterschicht, als auf die technischen Neuerungen dieser Zeit. Der Roman braucht einige Zeit ehe er spannend wird (die ersten 60 Seiten sollte man beim ersten Durchgang einplanen) lässt ab dann jedoch nicht mehr los. Die Autorin, Chris Schlicht, schafft mithilfe ihres ruhigen und ausführlichen Erzählstils eine wundervoll düstere Kulisse, in der sich ihr geradezu rührend herzensguter Hauptcharakter (man kann Peter jetzt mit Spott oder aufrechten Ernst als perfekten Schwiegersohn bezeichnen) bewegt und versucht auf seine Art die Welt ein klein wenig besser zu machen. Auch über die vielen Handlungsstränge, die die Geschichte sehr komplex machen, verliert Frau Schlicht nie die Kontrolle und führt sie rund und sauber zu einem guten Ende.

Zu sauber, könnte man ab einem gewissen Punkt in der Handlung meinen. Denn auch wenn Peter (und seinem zum umarmen liebenswerten Bruder) einige Steine im Weg liegen, so verhält sich die Gegenseitige zum Schluss hin erstaunlich passiv und es kommt einem nicht mehr so vor, dass Peter wie jeder andere Held für seinen Sieg arbeiten würde. Dies trifft auch auf einige Beziehungen so, die sich aus meiner Sicht zu glatt und arg harmonisch entwickeln. Kurios wird es auch, wenn man als Leser von Charaktereigenschaften einiger Figuren erfährt, die zuvor auch nicht wahrgenommen wurden, da die betreffende Figur weni, bis gar nichts im Buch zu tun hatte. Auch die klare Trennung zwischen gut und böse ist teilweise eher ärgerlich als schön, verschenkt die Autorin so einiges an Konfliktpotential (und außerdem muss man sich weitgehend auf die Beobachtungen einiger Figuren verlassen, deren Rollen teilweise auch sehr dubios hätten sein können). Allerdings sind dies rein subjektive Kritikpunkte von jemanden, der seine Literatur eher düster und aus seiner Sicht "konsequenter" mag und von daher ist es wohl auch dieses subjektive Empfinden, welches dem Buch seinen fünften Punkt kostet.

Am Ende ist "Maschinengeist" ein guter Krimi, ein lesenswertes Romandebüt, dem vielleicht noch sehr gute Fortsetzungen folgen werden. Denn trotz aller Kritik ist der liebenswerte Peter Langendorf ein Mann, den man gerne an seiner Seite weiß und der hoffentlich erneut die Straßen des Großstadtmolochs Wiesbaden-Frankfurts unsicher machen wird, um der Welt ein klein wenig Gerechtigkeit zurückzugeben.

Punkte: 4 von 6