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Lord Valentine (Majipoor-Chroniken 1)

geschrieben von Friederike Schmutzler

Eines schönen Tages treffen sich ein junger Mann und ein Junge mitten auf einer Hügelstraße außerhalb der Stadt Pidruid. Während der Junge auf dem Weg zum Markt ist, scheint der junge Mann weder ein Ziel zu haben, noch scheint er wirklich zu wissen, wer er ist und woher er kommt. So beschliesst er auch eher durch einen Zufall, sich der Gauklergruppe des Skandaren Zalzan Kavol anzuschliessen, und mit ihm den Kontinent Zimroel zu durchreisen, immer auf der Suche nach der Antwort auf eine Frage: Wer bin ich?

Nach Joe Haldemans „Herr der Zeit“ ist „Lord Valentine“ der zweite Roman aus dem Mantikore-Verlag, und wie auch Haldeman gehört Robert Silverberg zu den Grossen der modernen Science-Fiction-Literatur. Aus seiner Feder stammt (in Zusammenarbeit mit Isaac Asimov) der Roman „Der positronische Mann“ nach einer Kurzgeschichte von Asimov, 1999 verfilmt unter dem Titel „Der 200 Jahre Mann“ mit Robin Williams.

Bei dem hier in einer Neuübersetzung von Alexander Kühnert vorliegenden Roman „Lord Valentine“ aus der Reihe „Die Majipoor-Chroniken“ handelt es sich um einen leider ein wenig in Vergessenheit geratenen Klassiker der Science Fantasy. Doch sobald der Leser sich an Silverbergs bisweilen leichtfüssigen und ein wenig naiv-kindlich anmutenden Stil gewöhnt hat (der sich im Laufe des Romans immer mehr an Valentines Veränderungen und sein „Erwachsenwerden“ anpasst), öffnet sich ein Panorama an fremdartigen Völkern und Städten, das seinesgleichen sucht. Majipoor ist ein Planet, der um ein Vielfaches größer ist als die Erde, und wird nicht nur von Menschen bevölkert, sondern beispielsweise auch von Gestaltwandlern, den Vroon, oktopusartigen Wesen mit Schnäbeln oder den bereits erwähnten Skandar, die über 2 Meter groß sind, vier Arme besitzen und stets übelgelaunt zu sein scheint.

Obwohl Majipoor mindestens einen Raumhafen besitzt, überwiegen bisher die Fantasyelemente des Settings, auch wenn den Protagonisten von „Lord Valentine“ durchaus bewusst ist, dass es neben ihrer noch andere Welten im Universum gibt. Regiert wird der Planet von einer Art Dreigestirn, bestehend aus dem Koronal, dem weltlichen Herrscher, der durch die Kontinente reist und repräsentiert, dem Pontifex – das Nachfolgeamt des Koronals, der in einem unterirdischen Labyrinth die Fäden zieht und nur noch unter besonderen Umständen ansprechbar ist - und der Dame der Insel des Schlafs, die Mutter des jeweiligen Koronals, die ihr Amt in dem Moment antritt, in dem ihr Sohn zum Koronal ernannt wird.

Eine vierte Partei bildet die Famile Barjazid, die den sogenannten König der Träume stellt. Träume sind für die Bewohner von Majipoor sehr wichtig, sie sind nicht nur Verarbeiten von Erlebtem, sondern offenbaren auch Dinge, die noch geschehen, oder aber der König der Träume sucht den Schlafenden im wahrsten Sinne des Wortes heim als überirdischer Richter und Ankläger in einem. Schon an dieser Konstellation wird deutlich, dass die Majipoor-Chroniken einzigartig in der modernen Fantasyliteratur sind, und auch die Detailreiche und die vielen weissen Flecken, die noch bleiben, prädestinieren die Majipoor-Chroniken auch als Setting für eine Rollenspielwelt – überraschenderweise ist dies bisher im Gegensatz zu vielen anderen Fantasy und Science Fiction-Welten noch nicht geschehen. Aber vielleicht findet der Roman durch sein Erscheinen im bisher für seine Rollenspiele bekannten Mantikore-Verlag auch diese Umsetzung. Spannend wäre das allemal, denn im weiten Feld der Science-Fantasy stechen die Majipoor-Chroniken durch aberwitzige Details (Wettermaschinen, futuristische Millionenstädte neben „klassischen“ Fantasydörfern, fremdartige, aber sympathische Völker) ganz klar heraus. Übersetzung und Aufmachung sind sehr gelungen – besonders hervorzuheben ist hier das stimmige Titelbild. Einziger Wermutstropfen ist das Lektorat, denn an vielen Stellen finden sich beispielsweise Flüchtigkeitsfehler, die zwar nicht das Lesevergnügen an sich schmälern, aber leider auch keine Sechs-Punkte-Wertung rechtfertigen.

Punkte: 5 von 6 Punkten