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Krieger, Krämer und Kultisten

geschrieben von Lars-Hendrik Schilling

Was soll man noch über ein Quellenbuch schreiben, dass bloße zwei Monate nach seinem Erscheinen den goldenen RPC-Award abräumen konnte? Vielleicht stellt sich die Frage, warum Krieger, Krämer und Kultisten diesen Preis erhalten hat. Bei einem DSA-Produkt mag die Vermutung naheliegen, die schiere Masse der treuen DSA-Fans habe den Unterschied gemacht. Doch diese Einschätzung ist meiner Ansicht nach unzutreffend, das Buch lohnt sich voll und ganz.
Die meisten Quellenbücher beschreiben eine Welt im großen Ganzen. Reiche und ihre Herrscher werden beschrieben, doch man findet keine Schilderung eines gewöhnlichen Bauern. Details sind da eher im Bereich der Kaufabenteuer zu finden. So findet ein Spielleiter, der seine eigenen Abenteuer gestalten möchte, eine große Lücke vor. Genau hier setzt Krieger, Krämer und Kultisten an. Auf 210 Seiten werden 60 Nichtspielercharaktere aus dem Mittelreich vorgestellt – von A wie Adeptin bis Z wie Zuckerbäcker. Dabei beginnt jede Schilderung mit einem kurzen Stimmungstext, der einen deutlichen Eindruck der Person liefert und auch schon viele Ansätze für den Einsatz im Abenteuer liefert. Die Stimmungstexte verschiedener Figuren ergänzen einander teilweise zu zusammenhängenden Geschichten, so dass man eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln kennenlernt. Diese Absätze sind häufig interessant geschrieben und vermitteln auch deutlich die persönliche Sichtweise der Meisterperson.
Dazu kommen besondere Details, Abenteuervorschläge, Spielwerte (aufgeschlüsselt in Anfänger, Erfahrener und Veteran, um unterschiedlich mächtige Charaktere abzubilden) und eine Namensliste mit verschiedenen Namen für den jeweiligen NSC. Damit hat der Spielleiter alles, was er benötigt, um die Meisterpersonen als Versatzstücke in seine Abenteuer einpassen zu können.

Im Vorfeld zur Veröffentlichung hat Krieger, Krämer und Kultisten in vielen Foren deutliche Kritik erfahren. Viele Leute haben das Produkt schon vor dem Erscheinen für unnötig erklärt, denn warum sollte ein Spielleiter sich mit unwichtigen Meisterpersonen aufhalten? Ich möchte an dieser Stelle mehr als nur eine Lanze für das erste Quellenbuch einer hoffentlich erfolgreichen Reihe brechen.
Die ganze Spielwelt ist voller Meisterpersonen, mit denen sich der Meister befassen muss. Ihre Darstellung ist eine seiner wichtigsten Aufgaben. Dabei ist gerade die Normalität die größte Herausforderung. Den wahnsinnigen, bösen Weltherrscher oder den fanatischen Schweigemönch kann man viel leichter glaubwürdig darstellen als den Wirt um die Ecke. Denn während besondere Handlungsträger nicht nur mehr Aufmerksamkeit durch den Meister bekommen, sondern auch durch ihre extremen Aspekte in gewisser Hinsicht oft simpel sind, besteht gerade bei gewöhnlichen Nichtspielercharakteren die Schwierigkeit, sie greifbar und glaubwürdig zu gestalten. Zu leicht werden sie zu einem von drei oder vier Abziehbildchen des Spielleiters selbst. Genau hier kann Krieger, Krämer und Kultisten das Rollenspiel mehr bereichern als drei Regionalbände und sieben Kaufabenteuer. Denn was bringen all dies Hintergrundmaterial und lauter Handlungsstränge, wenn man sie als Meister nicht ansprechend verwerten kann? Insofern bin ich restlos von dem Werk begeistert.

Der einzige Kritikpunkt, der mir einfiele, wäre, dass der Band in Vollfarbe illustriert ist. Dass jede Figur eine eigene (und echt schicke) Zeichnung bekommt, ist ohne Frage großartig. Doch ich bevorzuge Graustufen, da sie meine Fantasie besser anregen. Damit dürfte ich jedoch einer seltsamen Minderheit angehören und will es daher nicht gegen das Werk verwenden.

Fazit:
Für jeden Spielleiter, der Das Schwarze Auge oder andere Fantasy leitet, ein definitives Muss. Man kann nur hoffen, dass dem Werk Erfolg beschienen ist, denn meiner zynischen Erfahrung nach, sind gerade Meister, die am meisten von einem solchen Band profitieren könnten, am festesten davon überzeugt, solche Hilfen nicht zu brauchen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Punkte: 6 von 6 Punkten
  • Art: DSA-Quellenbuch
  • Verlag: Ulisses-Spiele
  • Seiten: 210
  • Autoren: Eevie Demirtel, Daniel Simon Richter, Alex Spohr
  • Preis: 35 €