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Herr der Zeit

geschrieben von Friederike Schmutzler

Matthew Fuller ist ein Loser: Seine Freundin hat ihn wegen eines anderen verlassen, seine Dissertation dümpelt vor sich hin und im Job ist er auch nicht wirklich erfolgreich, obwohl die Physik eigentlich seine Leidenschaft ist. So ist es auch wenig verwunderlich, dass er eher nebenbei bei einem Zufallsexperiment feststellt, dass das Gerät, an dem er gerade arbeitet, eine Zeitmaschine ist. Allerdings hat sie wie viele andere Zeitmaschinen in der Science-Fiction-Literatur auch einen Haken: Sie funktioniert nur in eine Richtung – die Zukunft – und die Zeitspanne, die die Maschine in die Zukunft reist, verzwölffacht sich bei jeder Reise. Außerdem verschiebt sich auch der Ort, an dem sie wieder auftaucht.

Aber Matt hat nichts zu verlieren; und nachdem der erste Chrononaut der Welt, die Babyschildkröte Hermann, heil wieder zurückkehrt, beschliesst der junge Physiker, die Maschine selber auszuprobieren. Mit einem geliehenen Auto reist er zunächst in die nähere Zukunft, um über einen Abstecher in einer postapokalyptischen Welt zu landen. Aber auch hier kann Matt nicht lange glücklich werden, und so geht die Reise weiter...

„Herr der Zeit“ ist der erste Roman aus dem Mantikore-Verlag, der bisher bekannt war für die „Einsamer Wolf“-Spielbücher. Mit dieser Veröffentlichung geht der Verlag neue Wege, und es ist nicht irgendein Roman, der da veröffentlicht wurde. Joe Haldeman ist Preisträger mehrere wichtiger Science-Fiction-Literaturpreise und war Vorsitzender der Science Fiction and Fantasy Writers of America. Außerdem studierte er wie der Protagonist in „Herr der Zeit“ Physik und lehrt derzeit am MIT, wo Matt studiert. Haldeman weiss also, wovon er redet, wenn er die physikalischen Grundlagen von Matts Zeitreise beschreibt.

Viel interessanter sind jedoch die Beschreibungen der verschiedenen „Zukünfte“, in die Matt reist. Jede einzelne würde Stoff für einen eigenen Roman bieten, aber Haldeman kratzt in seinen Beschreibungen nur an der Oberfläche und überlässt es dem Leser, sich eine eigene Interpretation der Ereignisse zu machen. Das mag in anderen Romanen störend sein, doch durch die Tatsache, dass der gesamte Roman aus Matts Sicht geschrieben ist, erfährt der Leser natürlich nur das, was auch Matt erfährt oder sich erfragt.

Was „Herr der Zeit“ jedoch zu einem echten Pageturner macht, ist das Zusammenspiel aus den verschiedenen Elementen: Die nüchtern beschriebene Zeitreise, die verschiedenen Orte, an denen Matt landet und die eingehende Beschreibung von Matt, der ein Mensch mit Ecken und Kanten ist und seinem Leben (die Babyschildkröte Hermann war mein heimlicher Held). Haldeman schafft es, diese drei Elemente in der Waage zu halten, so dass keine Hänger entstehen, sondern der Spannungsbogen ansteigt und in einem vollkommen unerwarteten Finale endet.

Punkte: 6 von 6